KLAUS-KUHNKE-INSTITUT
für Populäre Musik

Populäre Musik




Das Klaus-Kuhnke-Institut widmet sich Populärer Musik (bewusst groß geschrieben). Doch was verstehen wir darunter? Hier ein kurzer Definitionsversuch:

Populäre Musik, Popularmusik, Popmusik oder einfach nur Pop (Music) - egal wie man es variiert, es bleibt ein Unwort. Es benennt alles und nichts. Und dennoch gibt es (momentan) leider keine bessere Bezeichnung. Gleiches gilt bekanntlich auch für Alte, Klassische oder Neue Musik, ganz zu schweigen von sogenannter Weltmusik.

Etymologisch betrachtet ist "musica popularis" (Latein) die Musik des Volkes bzw. der Massen. Das erste von sechs Kriterien Populärer Musik, die wir ansetzen, ist demnach die 1) Popularität einer Musik, gemeint ist der Grad ihrer Verbreitung. Wird eine bestimmte Form von Musik von vielen Menschen produziert und rezipiert, kann sie als weitverbreitet bzw. populär angesehen werden. Es handelt sich dabei um ein rein quantitatives Kriterium.

Das zweite Kriterium, mit dem wir operieren, ist die 2) Strukturbeschaffenheit einer Musik. Wenn es sich um kurze Musikstücke (bzw. Songs oder Tracks) mit einer durchschnittlichen Dauer von 3-5 Minuten handelt (Stichwort: Radio Edit) und die musikalischen Strukturelemente einfach gehalten sind (z.B. durchgehender Beat, gleichbleibendes Tempo, kaum Dynamikunterschiede, wenige Harmoniewechsel, singbare Melodie, Textwiederholungen, formelhafter Aufbau mit Strophe/Refrain etc.), lässt sich getrost von Populärer Musik sprechen. Hierbei wird ein qualitatives Kriterium angesetzt, bei dem Einfachheit über Komplexität gestellt wird. Im Umkehrschluss handelt es sich bei komplexer Musik um lange Musikstücke mit wechselnden Beats, unterschiedlichen Tempi, großen Dynamikunterschieden, vielen Harmoniewechseln, Meldodien mit großen Intervallsprüngen oder vielen "Zwischentönen", viel Text mit wenig oder gar keinen Wiederholungen und einem vielschichtigen Strukturaufbau, der aus ungleichen Elementen besteht. Typisch für Populäre Musik ist ein hohes Maß an improvisierten Parametern. Notation spielt nur eine untergeordente Rolle. Strukturen von Populärer Musik werden vor allem mithilfe von Aufnahmen bzw. Ton- und Bildträgern memoriert und weitergegeben.

Als drittes Kriterium kann die 3) Historizität einer Musik herangezogen werden. Üblicherweise wird die Entstehung Populärer Musik auf Mitte der 1950er Jahre datiert. Der US-amerikanische Sänger Elvis Presley gilt vielen als der erste genuine Popstar der Musikgeschichte, welcher eine enorme und tatsächlich weltweite Popularität erzielen konnte. Spätestens Anfang der 1960er Jahre konnten dann die Beatles diese Art von außergewöhnlichem Weltruhm für sich verzeichnen, das heißt eine Band aus England. Aber es gibt auch historische Eingrenzungsversuche, die wesentlich früher ansetzen. Manche deuten die Entstehung der US-amerikanischen Bluesmusik (Ende des 19. Jahrhunderts) als historische Zäsur, andere interpretieren die internationale Etablierung der Swingmusik in den 1920er bzw. 1930er Jahren als Beginn der Populären Musik im engeren Sinne. Wieder andere sehen bereits Virtuosen der klassischen bzw. romantischen Musik als Vorläufer der heutigen Popstars an, bspw. den österreichischen Tasten-/Klavierspieler Wolfgang Amadeus Mozart (Ende des 18. Jh.) oder den italienischen Violonisten Niccolò Paganini (Anfang des 19. Jh.), mitunter wird auch dem österreichisch-ungarischen Pianisten Franz Liszt zugeschrieben, er sei (Mitte des 19. Jh.) der erste Virtuose der Musikgeschichte gewesen, dem das internationale Publikum - im wahrsten Sinne des Wortes - zu Füßen lag. In jedem Falle wird ein Verständnis von Popularität zugrunde gelegt, das weit über Ländergrenzen hinausreichte und durch medial vermittelte Berichterstattung begleitet war (entweder via Zeitschriften oder/und durch Hörfunk sowie Fernsehen).

Ein weiteres Kriterium ist deshalb die 4) Medialität einer Musik. Prinzipiell ist jede Form von historischer oder gegenwärtiger Musik medial vermittelt (gewesen), denn jede Musik bedient(e) sich diverser Medien, seien es nun Instrumente, Stimmen oder Aufschreibesysteme bzw. Notationsformen (z.B. auf Stein, Holz, Papyrus oder Papier niedergeschriebene Noten). Auch Musikautomaten bzw. mechanisch-abspielbare Instrumente sind zum Teil seit Jahrhunderten im Einsatz. Ende des 19. Jahrhunderts brachte jedoch die Erfindung bzw. Nutzung von Elektrizität neue Möglichkeiten der musikalisch-einsetzbaren Schallerzeugung und -verbreitung mit sich, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts entfalteten und (vorerst) in elektronischen Kommunikationsmedien wie Radio und Fernsehen gipfelten. Diese Massenmedien schufen die Voraussetzungen für das, was heute im engeren Sinne als Popmusik (ab Mitte der 1950er Jahre) bezeichnet wird. Aber auch die Etablierung des Feuilleton, sprich: des "Kulturteils" einer Zeitung, in dem unter anderem die neuesten musikalischen Erscheinungen und Veranstaltungen besprochen bzw. rezensiert werden, hat in medialer Hinsicht Wesentliches zur Entwicklung Populärer Musik beigetragen, denn daraus sind spezifische Musikzeitschriften und -magazine hervorgegangen, welche stilistische Veränderungen festhielten, Kontextbeschreibungen lieferten und somit das Selbst- und Fremdbild Populärer Musik beeinflusst haben. Insbesondere der technische Fortschritt bei den Musikinstrumenten, den Geräten der Musikproduktion (Studiotechnik) sowie bei den Tonträgern und Abspielapparaten hat der Populären Musik einen Klangteppich ausgerollt, auf dem sie sich in glitzerndem Soundgewand präsentieren kann. Mit dem Aufkommen von genuinen Musikfilmen und Musikvideos wurde zudem das Potenzial von Bewegtbildern genutzt, Populäre Musik zu visualisieren und somit noch interessanter und einprägsamer zu gestalten. Seither ist sie viel mehr als nur Musik. Sie spricht alle Sinne an und bedient sich aller Medien. Dabei verschränkt sie diese auf besondere Weise, spiegelt sie und bietet viele Anknüpfungspunkte. Populäre Musik ist nicht selten laut, bunt, grell und zugleich ironisch. Man kann sie als verspielte Medienkunst betrachten, die in erster Linie Spaß machen und kurzweilig sein soll.

Nicht zuletzt ist die 5) Welt(zu)gewandtheit einer Musik Kriterium für uns, um Populäre Musik zu definieren. Es ist zwar üblich, Musikstile zu verorten, das heißt ihnen einen konkreten lokalen, regionalen oder nationalen Ursprung zuzuschreiben, bei genauerer Betrachtung entpuppen sich derartige Narrative jedoch als Identitätskonstruktionen, die Eindeutigkeit nur suggerieren. Tatsächlich ist Populäre Musik Weltkunst, das heißt ein globales Phänomen, das politische, geografische und soziale Grenzen mühelos überwindet. Hinter den komplizierten Prozessen des transnationalen Kunst- bzw. Musikmarktes verbergen sich relativ übersichtliche wirtschaftliche Organisationsstrukturen. Einige wenige transnationale Big Player teilen sich diesen Markt auf, vor allem die drei großen Major Labels Sony Music Entertainment, Universal Music Group und Warner Music Group, die allesamt ihren (operativen) Hauptsitz in den USA haben. Sie verwalten circa drei Viertel der weltweit gehandelten Populären Musik. Deren weitverzweigte Vertriebssysteme werden auch von vielen "Independent Labels" genutzt, die jedoch nach Außen den Schein der Unabhängigkeit und der lokalen/regionalen/nationalen Verbundenheit wahren möchten. De facto ist Populäre Musik stets darauf ausgerichtet, so viele Menschen wie möglich zu erreichen - und zwar auf dem gesamten Erdball (Stichwort: Global Pop). Ihre Funktion besteht im wahrsten Wortsinne darin, Massen zu bewegen bzw. zu mobilisieren.

Dabei kann Populäre Musik sowohl als simple Aufforderung zum Tanz wahrgenommen werden wie auch als staatsfeindliche Agitation. Sie ist per se weder unpolitisch, noch politisch. Vielmehr stellt sie ein Repertoire an musikalischen bzw. klanglichen Formen bereit, in das sich beliebige Inhalte einfügen lassen. Das thematische Spektrum reicht von romantischer Liebe bis hin zu politischem Widerstand. Insofern lässt sich das Kriterium 6) thematische Vielfalt einer Musik anwenden. Nur wenn Musik Anlässe zu mannigfaltigen Assoziationen bietet, hat sie das Potenzial, populär zu werden und viele Anhänger:innen zu finden.

Dass Populäre Musik mit diesen sechs Kriterien nicht allumfassend eingekreist werden kann, ist zwar selbstverständlich, soll aber dennoch betont werden, um möglichen Missverständnissen vorzubeugen. Auch dass diese Kriterien nur als allgemeine Tendenzen verstanden werden sollten, wollen wir hier herausstellen. Es gibt natürlich Ausnahmen von der Regel bzw. Abweichungen von der Normalverteilung. Von Begriffen bzw. Begriffspaaren wie Unpopuläre Popmusik, Populäre Klassik, Unterhaltungsmusik, Crossover, Leichte Musik, Kommerzielle Musik, Aufgenommene bzw. Produzierte Musik oder Ähnlichem wollen wir an dieser Stelle gar nicht erst anfangen.



Archiv




Das Archiv in Zahlen:
8 Archivräume
1 Außenlager
300 qm Gesamtgrundfläche
150.000 Tonträger:
> 100.000 Vinylplatten
> 45.000 CD
> 5.000 Schellackplatten, Tonbänder, Kassetten, Mini-Discs etc.
2.000 DVDs und VHS-Kassetten
10.000 Fachbücher
170 Periodika (Fachzeitschriften & Magazine)
Unzählige Sammlungen von losem Bild- und Schriftgut sowie Memorabilia
1 Zentralserver mit 1.000 Musik-TV-Sendungen und filmischen Musik-Dokumentationen

Im Kern war und ist das Klaus-Kuhnke-Institut ein Archiv für Populäre Musik. Gesammelt wurden und werden alle Formen bzw. Stile Populärer Musik, ohne Ausnahmen. Das Spektrum reicht von deutschen Volks-, Kinder- und Arbeiterliedern des 19. Jahrhunderts über US-amerikanische Blues, Jazz und Country Music aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis hin zu allen Spielarten von europäischer Rock-, Pop-, HipHop- oder Techno-Musik aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Aber auch aktuelle Punk-, Reggae-, Soul- oder Metal-Musik befindet sich in unseren Beständen. Zudem haben wir sog. Weltmusik in unserem Archiv, das heißt Musik, die außerhalb des sog. Westens populär ist und in der Spuren einer bestimmten Region und/oder Ethnie ohrenfällig sind, bspw. Musik aus Indien, West-Afrika, Ost-Asien oder Südamerika. Nicht zuletzt gehören deutschsprachige Schlager ebenso selbstverständlich zu unserem Sammlungsprofil wie französischsprachige Chansons, italienische Canzone oder englischsprachige Musicals. Auch sog. Populäre Klassik alla Luciano Pavarotti, André Rieu oder Richard Clayderman ist bei uns zu finden. Kurzum: Wir sammeln nahezu alles, außer das, was gemeinhin als kanonisierte klassisch-europäische Kunstmusik bezeichnet wird - dafür ist die Musikbibliothek in unserem Hause (HfK Bremen) zuständig.

Nichstdestotrotz haben wir Sammlungsschwerpunkte, die quasi zufällig zustande gekommen sind, da wir von Anfang an auf Sachspenden von externen Sammler:innen angewiesen waren. Auf das, was von diesen Privatpersonen gesammelt wurde, hatten wir natürlich keinen Einfluss. Besonders gut abgedeckt sind bei uns die Stilistiken Blues, Jazz und Country sowie Classic und Progressive Rock, vor allem aus dem angelsächsischen Raum. Selbstverständlich ist Populäre Musik aus dem deutschsprachigen Raum von besonderem Interesse für uns. Materialien zu nationaler (Deutschland), regionaler (Norddeutschland) sowie lokaler (Bremen) Musik werden von uns bevorzugt archiviert.

Wir sammeln alle Medienarten. Neben gängigen Tonträgerformaten wie Schellackplatten, Vinylplatten, Tonbändern, Schallfolien, Kassetten, CDs, Mini-Discs oder MP3-Dateien befinden sich auch audiovisuelle Medienformate wie VHS-Kassetten, DVDs oder MP4-Dateien in unseren Beständen. Zudem beherbergen wir Schrift- und Bildgut aller Art, das heißt Bücher, Zeitschriften, Magazine, Fanzines, Infobroshüren, Sendemanuskripte, Flyer, Noten und Kalender sowie einige Plakate, Fotos, Graphiken und sogar Gemälde.



Forschungsstätte




Das Klaus-Kuhnke-Institut ist sowohl Archiv als auch Forschungsstätte für Populäre Musik. An uns kann man sich wenden, wenn man Materialien sucht für Schulprojekte, akademische Qualifikationsarbeiten (Seminar-, Bachelor-, Master-, Promotions- sowie Habilitationsarbeiten) oder professionelle Forschungsprojekte. Auch Bremer Bürger:innen, Tourist:innen oder Journalist:innen werden bei uns bedient, insofern es unsere Arbeitskapazität zulässt und die Anfragen einen bestimmten Workload nicht übersteigen, denn leider sind unsere personellen und zeitlichen Ressourcen begrenzt.

Die relativ neue Institutsbezeichnung in unserem Namen soll deutlich machen, dass wir fortan verstärkt selbständige Forschung betreiben werden. Damit wollen wir zum einen an das Vermächtnis der Archivgründer anknüpfen, die Pionierarbeit im Bereich der Popularmusik-Forschung geleistet haben, zum anderen wollen wir unsere überbordenden Quellen-Bestände aktiv beforschen, um sie dadurch zu systematisieren und für weitere Forschungen anschlussfähig zu machen. Außerdem verstehen wir uns als wissenschaftliche Einrichtung, die mit ihrer Expertise verpflichtet ist, am wissenschaftlichen bzw. öffentlichen Diskurs teilzunehmen. Geplant sind konkrete Forschungsprojekte zu selbstgesetzten Themen, deren Ergebnisse in Form von Vorträgen, Tagungen, Ausstellungen sowie eigene Publikationen vorgestellt werden sollen - zum Teil finanziert durch Drittmittel. Auf diese Weise wollen wir das KKI sukzessive zu einem Zentrum für die Erforschung und Vermittlung Populärer Musik ausbauen. Die institutionellen Rahmenbedigungen dafür sind gegeben.